Sendung 7/2010: Interview zum 48. Historikertag

400 Vorträge an drei Tagen, mehr als 3000 Besucher. Das sind die Eckdaten des 48. Historiktertages in Berlin. Alle zwei Jahre findet die größte geisteswissenschaftliche Konferenz Europas hier in Deutschland statt: dieses Jahr zwischen dem 28.09. und dem 01.10. in Berlin. Das Leitmotiv des Historikertages 2010: "Über Grenzen". Wir haben mit dem Geschäftsführer des Historikertages Dr. Ingo Loose gesprochen.
Q History: Herr Loose, ganz allgemein: Was passiert auf einem Historikertag?
Ingo Loose: In Berlin, Ende September, werden wir in 75 Sektionen die gesamte Bandbreite der Geschichtswissenschaften durchmessen und diskutieren. Die Besonderheit ist halt, dass wirklich alle Bereiche von der Antike bis zur Zeitgeschichte abgedeckt werden - und das in einer unerhört kompakten Form: 400 Vorträge in dreieinhalb Tagen.
Q History: Ein wenig wie bei Q History also, nur etwas größer. (lacht) Auf Ihrer Homepage erwähnen Sie aber auch, dass es eine Reihe von Begleitveranstaltungen gibt. Ist der Historikertag in erster Linie ein Forum für den Fachmann oder besteht auch eine öffentliche Nachfrage?
Ingo Loose: Es ist natürlich nicht nur eine Tagung für das universitäre Fachpublikum, sondern in den letzten Jahren haben zunehmend auch Studierende die Chance wahrgenommen und, auch sehr kostengünstig, am Historikertag teilgenommen, so dass wir über die Grenzen einer reinen Fachveranstaltung eigentlich schon hinausgegangen sind. Dass Geschichte, historisches Wissen und auch die Verantwortung mit Geschichte zunehmend wichtiger sind, das hat sich mittlerweile rumgesprochen.
Q History: Der Historikertag überschreitet also selbst Grenzen. Vor zwei Jahren fand der Historikertag in Dresden statt; dort hat man dann über einen neuen Ort abgestimmt. Auch wenn das Thema nicht verbindlich für alle Sektionen ist: Warum das Thema "Grenzen"?
Ingo Loose: Es gab auf dem Historikertag 2008 die Bewerbung der HU Berlin, was damit zusammenhing, dass die HU Berlin in diesem Jahr ihr 200. Jubiläum feiert. Hinzu kommt, dass das Land Berlin auch das Wissenschaftsjahr 2010 hier begeht. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, den 48. Historikertag an eine Berliner Universität zu vergeben. Die Nähe zum dritten Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, ließ es dann gewissermaßen geraten erscheinen, genau über so etwas wie Grenzen, Grenzüberschreitungen oder auch Grenzüberwindungen näher nachzudenken und dies zum globalen Motto zu machen. Ich glaube, kein Ort ist für den Historikertag dermaßen prädestiniert wie Berlin.
Q History: Wie wir es bei Q History auch versucht haben darzustellen, kann man Grenzen auf ganz verschiedene Art und Weise begreifen. Worum geht es denn genau, wenn es auf dem Historikertag „Über Grenzen“ geht?
Ingo Loose: In ganz wörtlichem Sinne wird dort über territoriale Grenzen und Grenzziehungen debattiert. Dazu gehört dann natürlich auch so etwas wie Migration und die Veränderung von Grenzen. Denken Sie nur daran, dass der Historikertag zwei Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit endet. Insofern gibt es vor dem Hintergrund „Berlin“ vielfältige Möglichkeiten, über die Veränderung oder auch den Wegfall von Grenzen nachzudenken.
Q History: Dazu würde dann ja auch eine Grenzüberschreitung, wie zum Beispiel Krieg, gehören. Grenzen kann man aber auch in einem umfassenderen Sinne verstehen.
Ingo Loose: Denken Sie nur an die zeitliche Dimension, also Epochengrenzen. Die einfache Frage zum Beispiel: Wann beginnt und wann endet die Renaissance? Das klingt zunächst einmal sehr simpel, geht aber bis hin zur Frage: Wozu brauche ich das? In diesem Zusammenhang aktuell geworden ist aber auch das Thema der Generationalität, also der Generationswechsel und sein Einfluss auf die Wahrnehmung und auch auf die historische Entwicklung insgesamt. Und schließlich ein weiterer Punkt, wie man Grenzen fassen und verstehen könnte, ist natürlich dann der übertragene Wortsinn. Beispielsweise systemtheoretische Ansätze: die Grenzen von System und Umwelt. Begrenzungen wie Konventionen beispielsweise: Normen sowie Ein- und Ausschlüsse von sozialen Gruppierungen.
Moderator: Daniel Meyer
Autor/Redaktion: Matthias Friedmann
Fotos: copyright by 48. Historikertag
